Ein Plädoyer für die „Vielfalt“ von Brigitte Toll

 

 

Unsere jüngste Vereinsgeschichte hat gezeigt, dass es gut ist, zumindest darauf hin zu arbeiten, eine gewisse Vielfalt bei Verpaarungen weißer Schäferhunde zu wahren. Das ist nicht so einfach wie es sich anhört, stammen doch alle Schäferhunde von einer kleinen Anzahl von Hunden ab, mit denen bereits im 19. Jahrhundert der Deutsche Schäferhund organisiert gezüchtet wurde. Dass vor mehr als 100 Jahren nur wenige Zuchttiere zur Verfügung standen, ist bekannt. Doch dass die Zucht unter teilweise fast dramatisch zu nennenden Voraus-setzungen begonnen wurde, ist heute oft schon in Vergessenheit geraten. Dabei ist es auch wichtig zu wissen, wo die Schäferhunde herkommen und wie mit der Zucht begonnen wurde. Es ist oft gar nicht so einfach, mit Sachverstand und Herz Hunde zu züchten. Wobei Absatzzahlen und nicht belegbare Behauptungen über angebliche genetische Defekte uns nicht interessieren. Manches ist einfach zu lächerlich, wie die Behauptung, dass (nur als Beispiel) aus einem Wurf mit Welpen, bei denen Megaösophagus (Schlunderweiterung) festgestellt wurde, ausschließlich der betreffende Rüde dafür verantwortlich sei. Fast immer sind dies nur Schutzbehauptungen von Personen, die verschleiern möchten, dass Ihre Hündin (wie in einem bekannten Fall) nachweislich Vorfahren aufweist, die von bekannten Hochzuchtlinien abstammen (ein Vorfahr in solch einer Verpaarung wurde zwar 14 Jahre alt, hatte jedoch dem Internet zufolge mehr als 1800 Nachkommen!) Dann ist es natürlich für den, der dies verschleiern möchte, einfacher, mit dem Finger auf einen anderen Hund zu zeigen, der nicht aus der betreffenden Zucht kommt. Aber immer ist auch die Hündin an der Vererbung beteiligt, was jedem auch vielleicht noch so unbedarftem Hundebesitzer klar sein dürfte.

 

Die gefürchtete genetische Belastung durch MegaSE lässt sich von Genetikern bis heute nicht auf ein bestimmtes Gen zurückführen; das Gen konnte bis jetzt nicht isoliert werden. Wer dann als Züchter mit dem Finger auf den Fremdrüden zeigt, entlarvt sich zudem als Dilettant mit persönlichen Motiven.

 

Züchten ist natürlich nicht einfach. Es wäre gut, wenn sich jeder anhand von Literatur ein großes Wissen aneignen könnte. Doch das wäre sehr einfach. Eigentlich lernt man „züchten nur durch züchten“. Vieles bringt die Erfahrung. Doch leider ist auch da - wie bei vielem, wenn Geld im Spiel ist - mancher dazu bereit, über einiges hinwegzusehen. Das fängt bei den Deckrüden an. Es gibt einige wenige Züchter in diesem Land, die immer nur ihre eigenen Tiere (oft zu Dumpingpreisen) „anbieten“. So jemand schadet der Rasse. Achten Sie einmal darauf, ob in Vereinen zu viele Würfe von einem einzigen bestimmten Rüden fallen, das ist oft sehr interessant. Leider, denn dadurch wird die Vielfalt der Rasse zerstört! Es ist nun einmal eine Tatsache, dass die Rasse der Deutschen Schäferhunde vor mehr als 100 Jahren aus wenigen Tieren entstanden sind. Hunde wie Beowulf (Sonnenberg) SZ10, Horand von Grafrath SZ1 (der erste ins Zuchtbuch des SV, Schäferhundevereins eingetragene Deutsche Schäferhund), Dewet Barbarossa SZ630. Wobei Beowulf anscheinend mehr als 100 Würfe hatte, alle anderen mindestens 50. Dies sind aber nur einige wenige von Unzählingen!. Tatsächlich stammen alle unsere Hunde von diesen und vielen ihrer Nachkommen bzw. Vorfahren ab. Dazu kommen noch die Schäferhunde, die in die USA exportiert wurden. Sie haben Nachkommen in den USA und Kanada, von denen unsere seit Ende der 70er Jahre wieder nach Europa importierten Tiere abstammen. Deshalb stammen unsere Hunde auch von den deutschen DSH ab, von denen einige in bestimmt jeder Abstammung von weißen Schäferhunden zu finden sind. Hervorzuheben sind dabei unter anderem vor allem Pfeffer von Bern (nach Aufzeichnungen auf öffentlichen websites 96 Würfe) und Bernd vom Kallengarten (mehr als 120 Würfe), Klodo vom Boxberg (mindestens 68 Würfe). Die Liste ließe sich bestimmt beliebig weiterverfolgen.

 

Es wurde im Laufe der Jahre festgestellt, dass viele Nachkommen von Deutschen Schäferhunden aus Übersee auch außerordentlich viele Würfe hatten, nicht nur schon in den 80er oder 90er Jahren, sondern auch in der jüngeren Vergangenheit. Diesbezügliche Informationen werden leider oft verschleiert. Helfen Sie mit, liebe Interessenten für unsere schöne Rasse! Wer auf die Vielfalt achtet, tut schon das Seine dafür. Ein Deckrüdenbesitzer der es ehrlich meint, wird Ihnen immer sagen, wie viele Würfe sein Rüde schon hatte. Solche Dinge können auch Sie erfragen. Was ist dabei, solche Informationen zu geben? Es geht in den letzten Jahren verstärkt darum, eine etwas größere Vielfalt zu gewährleisten. Würden alle Züchter und Deckrüdenbesitzer daran mitarbeiten, würde es der Rasse in Zukunft erheblich besser gehen, davon bin ich überzeugt. Je enger die Rasse gezüchtet wird, desto risikoreicher.

 

Eines ist ebenfalls wichtig: Es gibt keinerlei neue Linien!!! ALLE Schäferhunde kommen aus dem „gleichen Topf“! Begründet im 19. Jahrhundert, organisiert gezüchtet seit Ende des 19. Jahrhunderts. Der Deutsche Schäferhundverein besteht seit 1901, unsere deutschen ersten Vereine wurden seit den 1980er Jahren initiiert, alle mit wechselvoller Historie. Die ersten Zuchttiere kamen teils über die Schweiz (die Zuchtstätte „von Kron“ importierte Hunde aus dem USA-Zwinger „von Finn“, aus Dänemark, vom Züchter Ole Riberholdt, der Zuchttiere von Hawaii nach Dänemark importiert hatte sowie aus England von „Blinkbonny“ - alle diese Hunde entstammten ausnahmslos DSH-Linien). Die Begeisterung für die Deutschen Schäferhunde zu entfachen, war eine großartige Arbeit des Rittmeisters Max von Stephanitz. Ohne sein großes Know-How und seine Begeisterunsfähigkeit wäre es mit dieser Rasse nicht so weit gekommen. Schnell griff der Enthusiasmus auf die umliegenden europäischen Länder über bis hin nach Übersee und schließlich weltweit(Rittmeister von Stephanitz fungierte auch bei frühen Ausstellungen des AKC als Richter, davon gibt es sogar Fotos). Dadurch bedingt und durch die frühe Installierung einer Registratur, die alle Deutschen Schäferhunde nachweisen kann, sind die Abstammungen nachvollziehbar. Im Laufe der ersten Jahre wurden noch unbekannte Tiere (auch vereinzelt Wolfshybriden oder sogar Kollie-Hunde sowie Hunde, deren Abstammung nicht bekannt war, Terrie usw.) eingekreuzt. Doch dies geschah nur in ersten Jahren und bisher fanden sich nur vereinzelte solcher Tiere in den Eintragungen der Zuchtbücher.

 

Sieht man sich die USA-Linien an, die aus Nachkommen der Schäferhunde aus Deutschland, der Schweiz (zum Beispiel Stonihurst, die ersten, beim AKC eingetragenen German Shepherd Dogs – GSD), England und anderen Ländern stammten, dann fallen einem schnell Hunde auf, die man auch noch in unseren heutigen Ahnentafeln findet, macht man sich die Mühe, deren Vorfahren herauszusuchen. Eine gute Quelle dafür ist die website (weiter nächste Seite)

 

 

 

 

http://www.pedigreedatabase.com. Versuchen Sie es einmal und Sie werden staunen. Die bekannte Hündin Rani von Finn (keine Schwester, sondern eine Enkelin von Rex von Finn) geht zum Beispiel unter anderem auf den bekannten German Shepherd Dog Bernd vom Kallengarten zurück (ein Urgroßvater von Rani von Finn). Erschrecken Sie nicht, Bernd vom Kallengarten (ein farbiger Hund) schlägt laut einiger websites mit mehr als 120 Würfen zu Buche. Bekanntlich war Rani von Finn die erste Zuchthündin des ersten Wurfes in der Bundesrepublik Deutschland. Der erste Wurf fiel am 12.06.1981 (nachweislich) mit dem bekannten Rüden Champion von Kron. Diese Hunde sind in außerordentlich vielen Ahnentafeln zu finden, geht man den Abstammungen nach. Auch am Beginn der organisierten Zucht in Deutschland gab es Probleme bezüglich der Vielfalt: Die Zucht wurde mit wenigen Tieren gestartet. Hunde aus dem Zwinger „von Finn“, „von Kron“, später kamen Hunde von „Sherman's“ aus dem US-Bundesstaat Michigan hinzu sowie von „Hoofprint“ aus Kanada.

Ungefähr gleichzeitig wie der erste Züchter in Deutschland, Martin Faustmann, bemühten sich weitere Interessenten der weißen Schäferhunde um eine Vielfalt. Geht man diesen Ahnentafeln nach, dann fällt einem u.a. der Name „Cloverly“ ins Auge. Cloverly war eine Zucht in den USA. Bekannt war damals jedoch noch nicht, dass Cloverly-Hunde auch unter anderem Vorfahren der Finn-Hunde waren (nur als Beispiel). Es wurde also weiterhin „aufgedoppelt“, es wurde kein Fremdblut eingeführt, sondern alte Linien nochmals zugeführt. Doch wer sollte das in jener Zeit (Ende der 70er Jahre) wissen? Im Zeitalter des Internet und der globalen Vernetzung (die nicht immer zum Besten ist), ist dies einfacher und in diesem Fall auch ein Vorteil. Viele Hundezüchter sprechen von „Transparenz“, verschleiern jedoch absichtlich. Wohlgemerkt: viele, nicht alle. Doch diese „vielen“ bringen die anderen mit in Verruf.

 

Auf einer website etwas zu behaupten ist einfach. Doch ist es immer wahr? Wie gut dass es websites gibt, anhand derer jeder Abstammungen nachlesen kann. Oft behauptet jemand, nur weil ein Hund den Namen „Hoofprint“ habe, stamme er eben doch nicht von der allseits bekannten kanadischen Hundezucht „Hoofprint“ (Züchter: Joanne Chanyi, Alvinston, Kanada) ab. Weit gefehlt. Oft ist das nur entweder absichtliche Verschleierung oder einfach Unwissenheit. Verfolgen Sie die jeweilige Ahnentafel zu den Vorfahren, ist es durchaus möglich (und oft der Fall), dass der fragliche Hund eben doch von berühmten Hunden von Hoofprint abstammt, doch dies nur als Beispiel. Am besten ist immer derjenige dran, der sich selbst ein Bild macht.

 

Auf jeden Falls steht eines fest: Jemand, der behauptet, es gäbe zum Beispiel in Übersee noch erheblich mehr Linien als die, mit denen bei uns gezüchtet wird, der hat sich nicht umfassend genug informiert. Denn die weißen Schäferhunde (auch jene aus Australien und Neuseeland, welche hauptsächlich englische Linien zu ihren Vorfahren zählen) stammen alle von den gleichen sogenannten „Linien“ ab. Jeder kann zu seinen Vorfahren irgendwelche zählen,

 

 

deren Nachkommen hier vertreten sind! Natürlich steht das alles auf einem anderen Blatt, wenn man die Augen schließt und nur von „Linienzucht“ spricht. Doch in der Tat gehen ALLE Hunde auf die GLEICHEN Vorfahren zurück. Je weiter man zurückgeht in den Ahnenreihen, desto öfter fallen einem die gleichen Hunde auf: Übrigens stammen nahezu alle auch wenigstens einmal von einem der Rin-Tin-Tin-Hunde ab, der erste Rin-Tin-Tin, der 1918 in den letzten Kriegstagen in einer bombardierten Zwingeranlage in Lothringen

als einer von zwei noch überlebenden Welpen von Lee Duncan gerettet wurde, wurde übrigens niemals beim AKC eingetragen. Markant sind hier im übrigen vor allem Rin-Tin-Tin-IV usw. Alle waren berühmte amerikanische Filmhunde. Suchen sie weit genug in der Vergangenheit, so finden Sie mindestens Rin-Tin-Tin-IV (oft über den nicht mehr existierenden amerikanischen Zwinger Regalwise). Berühmte amerikanische Zwinger finden sich da in den Ahnentafeln, nicht nur die Rin-Tin-Tin-Hunde oder White Shadow's Chinookie, der Filmhund. Oder Baron Hans von Christon (der „böse“ Hund in dem Samuel Fuller-Film „Die weiße Bestie“, „White Dog“). Edgetowne, Cosalta, San Miguel, Ro Lo,

 

Meiner persönlichen Meinung nach überlege sich jeder gut, welche Linien er zusammenbringen will. Bedenken Sie, dass schon in den ersten Tagen der Zucht offensichtlich immer wieder die gleichen Linien miteinander verpaart wurden. Welcher Spezialist könnte beweisen, dass defekte Gene durch gezielte „Linienzucht“ herausgezüchtet werden können? Ich persönlich bin der Meinung, dass es niemals so weit hätte kommen dürfen, dass immer nur die gleichen Hunde für die Zucht genommen wurden (auch heute noch, vor allem in Hinblick auf die Zukunft). Doch die Vergangenheit lässt sich nicht mehr korrigieren – und die ersten Züchter hatten ohnehin keine anderen Möglichkeiten, da sie nur wenige Hunde hatten. Sie sind gefragt, der Hundekäufer! Fehler der Vergangenheit lassen sich natürlich nicht von heute auf morgen korrigieren. Deshalb ist es wichtig, dass darauf hingearbeitet wird und nicht noch alles verschlimmert wird. Es liegt mit in Ihrer Hand. Informieren Sie sich, lassen Sie sich keinen Sand in die Augen streuen, schon gar nicht von „alten Züchtern“, die damit eventuell ein Recht für sich ableiten, wenn sie selbst schon fast 30 Jahre züchten, hätten sie den richtigen Überblick. Wer hat ihn schon, den Überblick? Gut überlegt und ausprobiert, das ist es. Unfehlbarkeit ist dem Menschen nicht gegeben, doch schade, dass so viele Menschen die züchten, nicht bereit sind, ihre Erfahrungen anderen mitzuteilen. Im Laufe der Jahrzehnte haben viele aktive Züchter vieles verkehrt gemacht. Das ist oft kein Grund, sie zu verteufeln. Wer macht keine Fehler im Leben. Doch Erbfehler zu verschleiern oder einfach alles „auf den Rüden“ zu schieben, das ist schon oft eine böse Tat und sie schadet dieser wunderbaren Rasse, diesen intelligenten Hunden. Und sie schadet Ihnen! - Natürlich ist damit nicht gemeint, dass nun jeder Welpe alles bereits können muss, wenn er den Haushalt wechselt. Ein Hundebesitzer, noch dazu ein neuer, ist immer dafür verantwortlich, sich mit seinem Tier auseinanderzusetzen, es anständig zu behandeln und dafür zu sorgen, dass es in seiner Umgebung glücklich ist und Spaß am Leben haben kann. Das liegt AUCH in IHREN Händen, liebe Freunde der weißen Schäferhunde.Wir danken Ihnen jedenfalls, wenn Sie mit offenen Augen durch die Welt gehen – mit Ihrem großen Freund, Ihrem weißen Schäferhund!

 

PS.: Die schlechten Beispiel gelten in keinem der hier genannten „Fälle“ irgendeinem Züchter oder Deckrüdenbesitzer unseres Vereins. Unser Team hat sich in den letzten Jahren außerordentlich bewährt. Wir sind ein Verein, in dem wir miteinander arbeiten und unsere Hunde sind unsere Freunde!

 

  1. Mai 2018

 

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