1.WS e.V. EINHEIT - ZUCHTVEREIN FÜR WEISSE SCHÄFERHUNDE

Der weiße Schäferhund im Werk von          Rittmeister von Stephanitz

Eine Recherche

 

von Brigitte Toll          (Stand: 12.12.2015)

Die Anzahl der auf dem Markt befindlichen Hundebücher ist unüberschaubar. Zwar gibt es seit langen Jahren auch jede Menge Bücher, die speziell auf den Weißen Schweizer Schäferhund zugeschnitten sind, doch so richtig erwärmen kann ich persönlich mich mit keinem der zurzeit immer noch erhältlichen Bücher. Natürlich ist ein weißer Schäferhund mittlerweile eine „eigene Rasse“. Doch genau genommen gehen alle heutigen Hunde auf einen bekannten Hund zurück, der immer wieder genannt wird, weil er als SZ1 ins Zuchtbuch des 1899 gegründeten Schäferhundvereins (SV) eingetragen wurde, und das ist Horand von Grafrath. Dieser stammte wohlmöglich tatsächlichu.a. von einem weißen Großvater ab, Greif genannt (von dem bisher kein Foto gefunden werden konnte. Da einer vom anderen abschreibt, wird oft ein bekanntes Foto des Rüden Berno von der Seewiese, WT. 1913, als „Greif von Sparwasser“ kopiert. Bisher ist jedoch kein Foto aufgetaucht, welches wirklich den angeblich weißen Rüden Greif, den Großvater von Horand, zeigt.*

Quelle(Vorlage der Bayerischen Nationalbibliothek München)
Quelle(Vorlage der Bayerischen Nationalbibliothek München)


* In einer alten SV-Zeitung fand ich einen Artikel vom Rittmeister Stephanitz, in dem er mitteilte, dass er sich persönlich mit dem Züchter Sparwasser in Verbindung gesetzt habe und dass Sparwasser ihm schriftlich mitgeteilt hatte, dass keiner der fraglichen Hunde aus jener Zeit – auch nicht „Greif“ - von weißer Farbe gewesen sei. Anm.: Es wäre trotzdem sehr merkwürdig, dass im SV immer wieder weiße Welpen geboren worden wären, wäre im Hintergrund der Ahnentafeln nicht doch eine weiße Linie vorhanden gewesen.

Ein gutes Buch für Interessierte: Die Erstausgabe von „Der DSH in Wort und Bild“

Viele Jahre lang habe ich immer wieder in Büchern, Zuchtbüchern und Körbüchern des SV nach „Weißen“ gefahndet. Mir fehlte leider einfach die Zeit, mich näher damit und mit der Vererbung und den Abstammungen des Deutschen Schäferhundes zu beschäftigen. Doch kürzlich entdeckte ich einige sehr interessante Passagen in einem allseits bekannten Buch, welches in seiner originalen Form schon jahrzehntelang nicht mehr gedruckt wird: DER DEUTSCHE SCHÄFERHUND IN WORT UND BILD von Rittmeister Max E. von Stephanitz. Das waren nicht nur Eintragungen von WEISSEN (!) Hunden und Fotos derselben, sondern einige sehr interessante Artikel, die für Besitzer und Interessente sehr wissenswert sind. Rittmeister von Stephanitz war offensichtlich ein mit der Materie sehr vertrauter und sehr engagierter Hundefreund. Das lässt sich unschwer bei der Lektüre seines Werkes nachlesen. Ich persönlich möchte jedem empfehlen, eine Ausgabe von 1909 ausfindig zu machen (diese Ausgabe wird von Zeit zu Zeit im Internet angeboten: „Der deutsche Schäferhund in Wort und Bild“ / v. Stephanitz-Grafrath / 3. Auflage 1909 (gedruckt 1912, 1913, 1914)! Es erfordert oft einige Geduld, gerade dieses Buch zu finden. Zudem werden unter Umständen recht hohe Preise dafür gefordert. Ende 2014 entdeckte ich auf der Website von ZVAB zwei dieser Ausgaben. Eine wurde für ca. 250 Euro angeboten, die andere für ungefähr 85 Euro. Es kommt immer darauf an, in welch einem Zustand ein Buch ist – oder oft darauf, wer bereit ist, einen höheren Preis dafür zu zahlen (http://www.zvab.com).

 

Rittmeister von Stephanitz hatte bereits im Jahre 1901 die erste Ausgabe von DER DEUTSCHE SCHÄFERHUND IN WORT UND BILD drucken lassen. Dieses Buch ist nur noch äußerst selten zu bekommen (wenn Sie eines dieser wirklich raren Exemplare irgendwo sehen – eine originale Erstauflage! - dann greifen Sie zu! Dies ist eine der seltensten Ausgaben zum DSH überhaupt. Allerdings ist sie ausgesprochen teuer – dafür ist sie ihr Geld wert. Kaum zu glauben dass sie für schlappe 1.000 Euro erhältlich wäre, eher für mindestens das doppelte, wenn nicht mehr). Eigentlich ist es auch nicht notwendig (meine Meinung), das kleine Büchlein käuflich zu erwerben, nicht nur, weil der Preis eines solchen absoluten Liebhaberexemplares auf jeden Fall sehr hoch wäre: Es ist im Internet einsehbar und wer damit zufrieden ist, rufe die entsprechende website ab: Die Bayerische Nationalbibliothek ist im Besitz einer dieser Ausgaben und sie hat dieselbe frei ins Internet gestellt, für jedermann abrufbar. Hier die betreffende Internet-Adresse:

 

http://bildsuche.digitale-sammlungen.de/?c=viewer&bandnummer=bsb00068420&pimage=00001&v=100&einzelsegmentsuche=&mehrsegmentsuche=&l=de

 

Dort können Interessierte jede Seite der Ausgabe des Buches „DER DEUTSCHE SCHÄFERHUND IN WORT UND BILD“ von Rittmeister Max E. von Stephanitz einsehen. Natürlich finden sich in solch alten Büchern viele Dinge mit denen wir uns heute nicht mehr identifizieren können – oder solche, die abzulehnen sind. Schließlich hat der Rittmeister sein Werk vor mittlerweile viel mehr als 100 Jahren verfasst. Sein Stand des Wissens, vor allem im medizinischen Bereich, war natürlich ein erheblich anderer als unser heutiger, das sollte jeder beachten, der dieses Buch liest. Doch auch heute noch ist das Buch von Rittmeister von Stephanitz von einer erstaunlichen Frische und es zeigt viel Verständnis und viel Identifizierung mit dem Deutschen Schäferhund.

 

Hier einige interessante Details: Auf Seite 2 findet sich z.B. der Hinweis: „Später schildert der römische Ackerbau-Schriftsteller Columella einen wolfähnlichen Begleiter des Hirten, den er möglichst von weißer Farbe verlangt, damit ihn der Schäfer nachts vom angreifenden Wolf zu unterscheiden möge“, sowie: „Das Hüten besorgte zu damaliger Zeit der Schäfer selbst, sein Begleiter war auch nicht unser jetziger Schäferhund, sondern ein grösserer und stärkerer Hund, meist von weißer Farbe, zotthaarig und mit hängenden Ohren, Schafhund, Schafrüde oder Schafbudel genannt.“ Es ist im übrigen sehr interessant zu lesen, dass auch Rittmeister von Stephanitz schon sagen konnte, dass ein  Kreuzungsversuch zwischen Schäferhund und Wolf „ein verderbliches Unternehmen“ sein muss.  Stephanitz beruft sich hierbei auf Darwin: „Kreuzen löscht die ausgezeichenten Eigenschaften beider Elternrassen aus; was es erzeugt, ist der eigentliche Bastard, ein Wesen, dessen Charakter Charakterlosigkeit ist. Hierzu kommt noch die Erwägung, dass die weniger edle und geschlechtlich stärkere Rasse in diesem Kampf stets der obsiegende Teil bleiben wird. Durch Zuführung von Wolfsblut führen wir der Rasse also unberechenbaren Schaden zu...“ Es ist bedauerlich, dass in der heutigen Zeit schon wieder Personen dabei sind, die alten Erfahrungen, nicht nur die von Herrn von Stephanitz sondern auch von seinen Nachfolgern, wieder einmal über den Haufen zu werfen. Weisse Schäferhunde werden mit Saarlos-Wolfshunden und ähnlichen Hybriden gekreuzt. Das Ergebnis sind fast ausnahmslos Mischlinge, mit denen niemand mehr so richtig zurechtkommen kann, schon gar nicht deren verstörte Besitzer, die nicht wissen konnten, was sie sich mit solch einer Kreuzung ins Haus holten. Ganz zu schweigen von der Verletzung der Rassereinheit. Es ist nicht immer alles schlecht was Hundezüchter in vergangenen Jahrzehnten mitgeteilt haben. Viele ihrer Erfahrungen könnten sich heutige Züchter zunutze machen, doch stehen für viele leider nur „Absatz“-Möglichkeiten im Vordergrund, oft unter dem Motto: Ich kreiere nun eine neue Rasse, auch wenn ich nicht wirklich weiß, WAS ich da mache...“

 

Die Rassezeichen der Deutschen Schäferhunde

Beliebt bei BBS-Besitzerin dürfte natürlich vor allem die Passage „Die Rassezeichen der deutschen Schäferhunde“ sein, ab Seite 10. Auf Seite 12 findet sich dann die Beschreibung der Farben: „Schwarz, eisengrau, aschgrau, rotgelb, kastanienbraun: entweder einfarbig oder mit regelmässigen rostbraunen bis weissgrauen Abzeichen. Ferner rein weiss oder weiss mit dunklen Platten gemischt (Blauschimmel) sowie dunkelgewolkt (schwarze Färbung auf grauem, braunem oder gelbem Grunde), und zwar mit oder ohne helleren Abzeichen...In diesen Rassezeichen findet sich auch die Unterteilung nach dem stockhaarigen, rauh- oder drahthaarigen oder zottharigem deutschen Schäferhund. Zudem finden sich im Buch viele interessante und gute Fotos. Auf Seite 15 findet sich dann endlich das Foto von Greif III., zotthaariger deutscher Schäferhund v. Greif II. a. Schöna. Z. u. B. Schafmeister Frömmling, Lucklum, Braunschweig. Auf Seite 16 steht: „Die Ohren sind in Süddeutschland zumeist mittellange Hängeohren, in Norddeutschland, besonders im Braunschweigischen, finden sich noch vereinzelt auch zotthaarige Hunde mit Stehohren, meist von reinweisser Farbe.“

 

Anmerkungen zu späteren Auflagen von „Der DSH in Wort und Bild“

Darauf habe ich aus gutem Grund extra hier hingewiesen. In späteren Auflagen seines Werkes (ab der 6. Auflage) weist nämlich Rittmeister von Stephanitz innerhalb eines deutlich stark erweiterten Textteils (schon ab der 3. Auflage) an mehreren Stellen darauf hin, dass der weiße Schäferhund u.a. so etwas wie eine „Kakerlake“ sei und distanziert sich deutlich von den weißen Hunden! Dies ist darauf zurückzuführen, dass sich im Laufe der ersten 20 Jahre des Bestehens des SV eine regelrechte Gegnerschaft gegen weiße Schäferhunde aufbaute. In Heften des SV aus den 20er Jahren finden sich einige Leserbriefe, in denen es um Schäferhunde mit weißer Farbe geht. Dabei ging es zu wie es heutzutage immer wieder in Foren (auch im Facebook)zugeht: unsachlich und hochgradig feindschaftlich.


Es hat sich also nicht viel geändert. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts konnten die Menschen sich nur Briefe schreiben oder telefonieren. Eines Tages erschienen mehrere Leserbriefe in den SV-Zeitungen, die zu einem Sturm der Entrüstung beitrugen. Da teilten sich die Geister. Die einen waren für den Schäfer- hund, ohne sich um die Farbe zu kümmern, die anderen hassten und verurteilten die weißen Hunde. In der Tat wurde in diesen Korrespondenzen platt und schnöde, so wie es heute auch oft noch üblich ist, behauptet, weiße Schäferhunde wären anfällig für Krankheiten – weitere Argumente wurden aufgeführt. Dadurch entstand eine große Kontroverse, die schon vorher ein großes Thema im rasch wachsenden SV gewesen sein muss. Heute wird vielerorts behauptet, denn einer schreibt vom anderen ab, die Herausnahme der weißen Farbe aus dem Standard des DSH sei allein die Schuld der Nationalsozialisten gewesen. Wenn jemand sachlich überlegt, dann kommt er/sie direkt auf die Idee, dass ein gewisser Hitler in diesen Jahren erst seit Juli 1921 Vorsitzender der NSDAP war. Zwar hat Hitler selbst Deutsche Schäferhunde gehabt, wie Blondie, das letzte seiner Tiere, doch er hätte schon einen sehr langen Arm haben müssen, hätte er den SV diesbezüglich – möglicherweise sogar noch von Anfang an – beeinflussen wollen. Jedenfalls gibt es meiner Meinung nach keinen Beleg dafür, dass gerade auch noch Adolf Hitler, oder seine Partei, sich gegen weiße Deutsche Schäferhunde engagiert hätte. Meiner Meinung nach waren es die Militaristen oder eben gerade die, welche die Regeln/Satzungen streng befolgen wollten.

 


 

Ein wichtiger Hinweis in der Erstausgabe

Beim Lesen der Erstausgabe von DER DEUTSCHE SCHÄFERHUND IN WORT UND BILD ist mir nämlich etwas aufgefallen. Auf Seite 60 finden sich verschiedene Vorschriften, die der SV schon vor 1901 hatte. Unter anderem heißt es da: „Die dritte Aufgabe, die der Verein sich steckte, ist die Einführung des deutschen Schäferhundes als Kriegs- und als Sanitätshund“, wobei auch an dieser Stelle bereits ein Hinweis von Herrn von Stephanitz erfolgt, dass dieser Hund ein „schlichtes, im Gelände nicht auffallendes Haarkleid“ vorweisen möge! Dies zeigt bereits 1901, dass Hunde, die weiß waren, sich im Grunde nicht zum (u.a.) Militärhund eigneten bzw. als nicht geeignet empfunden wurden. So ist es immerhin möglich, dass sich bereits von Anfang an durch diese Richtlinien ein Widerwillen gegen Deutsche Schäferhunde mit weißem Fell entwickelte. Meiner Auffassung nach ließ sich der Rittmeister in den Folgejahren nach Erscheinen seines Werkes davon überzeugen – oder gab der Mehrheit nach – dass weiße Schäferhunde nicht erwünscht wären. Noch in der Auflage von 1909/1914 (3. Auflage) finden sich Fotos und Erwähnungen von weißen deutschen Schäferhunden. Die Auflage von 1921 ist bereits diesbezüglich erheblich reduziert und publiziert innerhalb des Textes viele negative Äußerungen über die weiße Farbvariante. Außerdem sind so gut wie alle Fotos von weißen DSHs aus dem Werk herausgenommen bzw. die Bildunterschriften sind entfernt.

 

Die Korrespondenzen gegen die weißen Schäferhunde, welche in den SV-Heften der 20er Jahre abgedruckt worden waren, wurden über eine gewisse Zeit hinweg abgedruckt. Schließlich beendete die Redaktion des SV den Abdruck zu diesem Thema. Später wurden Anträge gestellt und nachweislich wurden fast alle Schläge von weißen Schäferhunden bereits aus dem Standard von 1932 herausgenommen. Meiner Auffassung nach ist die öffentliche Meinung innerhalb des SV dahin gegangen, dass die meisten Mitglieder weiße Hunde als störend empfanden, Belege für Gegenströmungen wurden schließlich (siehe oben) schon in den frühen 20er Jahren in SV-Zeitungen veröffentlicht). Mir liegt ein Standard im Original von 1932 vor, in dem schon ausdrücklich die Farbe weiß als FEHLER ausgewiesen ist. Nur eine weiße Linie zotthaariger Schäferhunde aus dem Braunschweigischen wird ausdrücklich als für die Zucht zugelassen erwähnt. Natürlich ist allseits bekannt, dass die Militärs Schäferhunde bevorzugten. Viele Werte verändern sich im Laufe von Jahrzehnten, andere nicht. Ich bin der Meinung, dass sich die Abneigung gegen die weiße Fellfarbe eher durch die Mehrheit der Meinung der dem SV beigetretenen Mitglieder automatisch vervielfältigt hat. Jedenfalls steht fest, dass Rittmeister von Stephanitz selbst sich von der herrschenden Strömung hat beeinflussen lassen.

 

(wird fortgesetzt)

 

Es wäre nett, wenn Informierte bereit wären, diesbezügliche Informationen auszutauschen (natürlich gegen Kostenerstattung). Bitte schreiben Sie mir: WACSReVEinheit@aol.com